ETIKETTIERUNG DER CHINESISCHEN GESCHICHTE

Jürgen Domes/Marie-Luise Näth: Geschichte der Volksrepublik China. Meyers Forum (Bd. 5). 128 S., B.I.-Taschenbuchverlag, Mannheim/Leipzig/Wien/Zürich 1992.

ETIKETTIERUNG DER CHINESISCHEN GESCHICHTE

Jürgen Domes/Marie-Luise Nath: Geschichte der Volksrepublik China. Meyers Forum (Bd. 5). 128 S., B.I.-Taschenbuchverlag, Mannheim/Leipzig/Wien/Zürich 1992.

„Von allen Völkern in der Welt sind wir Chinesen das größte. Unsere Zivilisation und unsere Kultur bestehen seit mehr als viertausend Jahren. Eigentlich sollten wir mit den europäischen und amerikanischen Ländern auf gleicher Stufe stehen; da wir aber nur das Bewußtsein für Familie und Sippe, nicht aber ein nationales Bewußtsein haben, sind wir doch nur ein ... wirklich nichts weiter als ein Haufen losen Sandes ... unser Vaterland ist ein Kuchen, aus dem sich die anderen nach Belieben die besten Stücke herausschneiden … Wessen Kolonie ist China eigentlich? Es ist die Kolonie aller Mächte, die mit uns Verträge geschlossen haben. Alle diese Länder sind die Herren Chinas. Wir sind nicht die Kolonie eines Landes, sondern die aller Länder. Wir sind nicht nur die Sklaven eines Landes, sondern die aller Länder.“ Dies sagte Sun Yatsen (1866–1925) kurz vor seinem Tode, nachdem er 1911 das jahrtausendealte chinesische Kaisertum gestürzt und – erfolglos – versucht hatte, in China eine bürgerliche Republik zu errichten.

Die bürgerliche Revolution von 1911 hatte an dem durch den Opiumkrieg (1840–42) ausgelösten Absturz Chinas ins internationale Abseits nicht geändert. Der Kuhhandel der maßgeblichen westlichen, vom Gedanken der Vorherrschaft der weißen Rasse überzeugten Demokratien an der Pariser Friedenskonferenz von 1919, der darin bestand, den Verzicht Japans auf seine historische Forderung nach einer völkerrechtlichen Anerkennung des Grundsatzes der Rassengleichheit in der Völkerbundsatzung zu erkaufen durch die Überschreibung des ehemals deutschen Pachtgebietes in Shantung an Japan, verdeutlichte erneut, wie weit an die Peripherie des internationalen Geschehens China gerückt war.

So prägte der Kampf gegen die Versklavung, gegen die Kolonialisierung, für die Wiederherstellung der nationalen Souveränität ganz wesentlich die innenpolitischen Auseinandersetzungen in China in der ersten Hälfte dieses Jahrhunderts.

Die schmerzlichste Phase der Fremdbestimmung chinesischer Politik dauerte bis zur Gründung der Volksrepublik (hinfort: VR) China im Jahre 1949. Es triumphierte der relativ eigenständieg, gewissen chinesischen Traditionen eng verbundene Kurs der Kommunistischen Partei Chinas, die in Anknüpfung an die altüberlieferten Vorstellungen vom „Reich der Mitte“ für ein wirklich unabhängiges China votierte. Das Gefüge der gesamten chinesischen Politik wurde nach 1949 von den Erfahrungen der über 100 Jahre nationaler Abhängigkeit entscheidend geprägt.

Während im Hinblick auf derartige Zusammenhänge beispielsweise Thomas Heberer und Rüdiger Weigelin (1990) darlegen, daß „das chinesische Ziel seit Anfang dieses Jahrhunderts nicht der Sozialismus nach westlichem Verständnis, sondern die Findung einer eigenen, neuen Identität sowie die Modernisierung der Nation, ohne in erneute Abhängigkeit von äußeren Mächten zu geraten“, gewesen sei, definieren Jürgen Domes, Professor für Politikwissenschaft und Direktor der Arbeitsstelle 'Politik Chinas und Ostasiens' an der Universität des Saarlandes, und die Historikerin Dr. Marie-Luise Näth im ersten Satz ihrer Broschüre die Geschichte der VR China als „die Geschichte eines Staates und einer Gesellschaft im Sozialismus“ (S. 9). Wäre nicht die Formulierung „Die Geschichte eines ... Staates, der nach dauerhafter Unabhängigkeit und Selbständigkeit strebt und zu diesem Zweck unter anderem als "sozialistisch" bezeichnete Entwicklungsmodelle und Konzepte benutzt“ der Komplexität des Gegenstandes etwas nähergekommen?

Da in der Optik der beiden Verfasser der „Sozialismus“ nicht bloß ein Mittel, sondern der Dreh- und Angelpunkt der ersten vier Jahrzehnte der VR China, mithin also wohl das Ziel der dort betriebenen Politik war, ist es nur folgerichtig, daß das Werk „Sozialismus" in den Titeln der drei je etwa 40seitigen Teile des 128seitigen Buches eine zentrale Rolle spielt: „Die Durchsetzung des Sozialismus (1949–1959)“ – „Der Sozialismus in der Dauerkrise (1959–1977)“ – „Wirtschaftsreformen; Volkserhebungen und Agonie des Sozialismus (1977–1989)“. Leider halten es nun aber die Verfasser für überflüssig, den roten Faden ihres Buches, nämlich den Begriff des „Sozialismus“, zu definieren, es sei denn, der zweite Satz ihres Buches sei als „Sozialismus"-Definition aufzufassen: "Staat und Gesellschaft werden ... von einem doktringebundenen Einparteisystem marxistisch-leninistischen Typs geprägt“. Die "Doktrin", an die das Einparteisystem in der Volksrepublik China "gebunden" ist, wird aber nirgends exakt erklärt. „Heute ist die VR China einer der letzten Staaten, in denen die Herrschaft noch von Marxisten-Leninisten monopolisiert wird“ heißt es (S. 9), doch was die Verfasser unter "Marxisten-Leninisten", dem "Marxismus-Leninisums", der „ der Sozial- und Geistesgeschichte Chinas fremd war“ (S. 37) oder unter "den Normen des marxistisch-leninistischen Dogmas (S. 73) verstehen, bleibt offen.

Mitunter stören systematische Mängel. Vereinzelt nicht jedermann geläufige Ausdrücke werden bei ihrem ersten Auftauchen erklärt, wie zum Beispiel das Wort „Überlebenskader“ (S. 69), wogegen andere Ausdrücke nicht bereits beim erstmaligen, sondern erst bei einem späteren Gebrauch erläutert werden, z.B. "Prozedurkonsens" (verwendet auf S. 53, erklärt auf S. 93). Andere Fachtermini wie "Funktionsveteranen" (S. 109) werden überhaupt nicht verdeutlicht. Manche Formulierungen muten übertrieben an, so etwa die Bezeichnung Maos im Jahre 1956 als "Führer von Stalins Gnaden" (S. 37).

Die Transkription chinesischer Schriftzeichen mit Hilfe des Wade-Giles-System ist gelungen mit einer Ausnahme: der chinesische Name des "Platzes vor dem Tor des Himmlischen Friedens" ist jedes Mal unrichtig mit "Tienanmen-Platz" (S. 71, 108, 109, 118) statt korrekt mit "Tian’anmen Platz" wiedergegeben worden.

Einem Leser, der von all den weiter vorne aufgezählten von den Verfassern verwendeten Benennungen und Etikettierungen und dem dadurch auf die VR China aufgepfropften Koordinatensystem absieht, kann das handliche Werk dank seiner knappen Zusammenstellung wichtigster Sachinformationen und insbesondere auch wegen der schonungslosen Offenlegung von Schattenseiten in der Geschichte der VR China wertvolle Dienste leisten.

In der Einleitung versprechen die Verfasser "die Wiedergabe weitgehend gesicherter Erkentnisse" (S. 9). Ob der letzte Satz des Buches "... sind wir uns sicher, daß der größte Teil der Geschichte der 'Volksrepublik China' bereits hinter uns liegt", den Jürgen Domes in einer noch jüngeren Veröffentlichung mit der Progonose ergänzt, "daß der XIV. Parteitag der KPCh [= Kommunistischen Partei Chinas]" der letzte sein könnte, den die chinesischen Kommunisten noch in der Regierungsverantwortung durchführen werden" (Europa-Archiv, Folge 20, Bonn 25.10.1992, S. 584), was also bedeuten würde, daß die KPCh bis 1997 ihre Alleinherrschaft verliert, tatsächlich eine "gesicherte Erkenntnis" ist, bleibe dahingestellt.

Freiburg i. Br. Harro von Senger

In:
Buchcover